ABSCHIED VON EINEM UNBEKANNTEN, I. Gesichtsrekonstruktion

Nachdem der Schädel den Eindruck auf mich gemacht hatte, als sei das Einverständnis des Toten in seine Präparation nicht eingeholt worden, musste ich annehmen, dass ich es rechtlich nicht wirklich mit einem anatomischen Präparat zu tun hatte, sondern mit einem Leichenteil, dem man das Aussehen eines anatomischen Präparates zu gegeben versucht hatte.

In diesem Sinne versuchte ich, dem Toten wenigstens die äußeren Züge des Gesichtes zurück zu geben, das man ihm - mutmaßlich ohne sein Einverständnis - herunter gemetzgert hatte.

Etliche Anhaltspunkte für das frühere Aussehen des Gesichts liefert der Schädel. Etliche andere Informationen, welche sich nicht im Knochen sondern im Knorpel manifestieren, wie Nasenspitze oder Ohren, aber auch die Augenlider, die Lippen und der Charakter der Hautoberfläche, über welche der Knocxhen gar nichts aussagt, müssen rekonstruiert beziehungsweise "erfunden" werden.

In eine solche "Formerfindung" von nicht rekonstruierbaren, das Aussehen aber maßgeblich mit beeinflussenden Details, fließt natürlich unbewusst, oder bewusst eine Hypothese ein, die man zur Identität der zu rekonstruierenden Person hat.

Meine Hypothese fußte auf diesen Faktoren:

Der Patina und der Präparationsmethode nach könnte das Präparat ca. 70 Jahre alt sein und aus der NS-Zeit stammen. Folglich könnte es sich bei dem Toten um ein Nazi-Opfer handeln. Nazi-Opfer kamen als Präparate massenhaft aus Auschwitz, wo sie vom Sektionskommando Mengele rund um die Uhr "produziert" werden mussten. Die Präparation war besonders stümperhaft ausgeführt, daraus schloss ich, dass sie von einem Berufsfremden stammte. Das könnte auf einen Häftling aus dem Sektionskommando zutreffen.

Der Zahnstatus des ca. dreißig jährigen Toten muss perfekt gewesen sein. Unter den Bedingungen der KZ-Haft, kann sich sein Gebiss allerdings nicht so erhalten haben. Folglich könnte es sich nur um einen Gefangenen gehandelt haben, der von der Selektionsrampe weg in´s Gas geschickt, ermordet und präpariert wurde. Gesunde, dreißig jährige Männer wurden aber zur Zwangsarbeit selektiert. Mit Ausnahme der ungarischen Juden, die ab 1944 massenhaft über von den Allieierten nicht zerstörte Schienenstränge nach Auschwitz deportiert worden und unmittelbar nach ihrer Ankunft  ermordet worden waren.
Da mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst war, dass der Meißelschlag in der Stirn des Toten eindeutig auf eine medizinsch/wissenschaftliche Präparation unter Schonung der Hirnhaut des Toten hindeutet, was eine KZ-Präparation praktisch ausschließt, stellte ich mir zu meiner Gesichtsrekonstruktion einen ungarischen Juden, der 1944 Nazi-Opfer geworden war, vor.

Da ich aber keine Ahnung habe, wie so Jemand ausgesehen haben könnte, machte ich alle Details, zu denen der Knochen schweigt, so reduziert und unauffällig wie nur möglich. Allein die Frisur stellte ich mir "ungarisch", männlich, zurück gekämmt und mit Brilanine vor - wovon man in der Aluminiumguss-Maske allerdings nicht mehr viel sieht.

Anschließend publizierte ich das Ergebnis mitsamt der zugehörigen Hypothese zur Identität und dem Schicksal des Toten auf Facebook und bekam prompt Post von der Anwältin der Witwe des Zahnarztes, aus dessen Nachlass der Schädel stammte. Auch ließ Sie mir mitteilen, dass der Schädel keinen NS-Hintergrund habe, sondern von einer hingerichteten Mörderin aus der Zeit der Weimarer Republik stamme. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich allerdings schon von Prof. Dr. Dr. Urban von der Gewrichtsmedizin in Mainz, dass es sich um einen männlichen Schädel handelt, mithin um einen "hingerichteten Mörder".

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