ABSCHIED VON EINEM UNBEKANNTEN, II. Gesichtsrekonstruktion

DIE ZWEITE GESICHTREKONSTRUKTION wurde fällig, nachdem meine erste Hypothese zur Identität des Toten - ein ungarischer Jude - sich als falsch erwiesen hatte und ich erfahren hatte, dass es sich um einen in der Weimarer Republik zum Tode verurteilten Hingerichteten handelt.

In der Weimarer Republik wurde nur hingerichtet, gegen wen Beweise vorlagen, oder wer sein Verbrechen eingestanden hatte. Die Weimarer Republik gilt als Rechtstaat und die Hürden vor einer Exekution waren hoch. Wenn es sich also um den Schädel eines Hingerichteten der Weimarer Republik handelt, musste man davon ausgehen, dass der Tote tatsächlich ein Mörder gewesen war.

Ein hingerichteter Mörder ist zwar ein Täter gewesen, als Hingerichteter ist er aber auch zum Opfer geworden und hatte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht in seine posthume Präparation eingewilligt. Im Gegenteil wird er dazu zu Lebzeiten nicht einmal gefragt worden sein, sondern der Staat hat einfach über seinen Körper verfügt und seine Leiche ungefragt "der Wissenschaft zur Verfügung gestellt". An ihr haben Anfänger des Medizinstudiums in Präparationskursen die menschliche Anatomie kennen gelernt. Was der Schädel über seinen Präparator verrät, passt eben so gut auf einen solchen, unerfahrenen Medizinstudenten, wie auf einen Zwangsarbeit leistenden Häftling.

Mit dem Aus für meine erste Hypothese zur Identität des Toten war es extrem unwahrscheinlich geworden, dass der in Deutschland während der Weimarer Republik hingerichtete Mörder ein Jude war. Zwar sprach sein perfektes Gebiss für einen disziplinierten Menschen der seinen Körper nicht verwahrlosen ließ, doch kann es an anderer Stelle nicht gereicht haben, wenn der Mann zum Mörder geworden war. Was den disziplinierten und wohl auch hinlänglich gebildeten Menschen, der sich ein so perfektes Gebiss erhalten hatte "geritten" haben mochte, dass er zum Mörder geworden war weiss ich natürlich nicht. Stellte mir aber vor, dass es mit seiner Männlichkeit, mit den Hormonen zu tun gehabt haben könnte.

Zum Ausdruck dieser Männlichkeit, dieser "Dämonen", die ihn "geritten" gehabt zu haben scheinen, gab ich seiner zweiten Gesichtsrekonstruktion markanter männliche Züge, als der Schädelknochen sie nahelegte. Stärkere Wülste über den Brauen und ein stärkeres Kinn. Dazu gab ich ihm noch eine etwas "wildere", streng nach hinten gekämmte Haarpracht.

Technisch führte ich seine Gesichtsrekonstruktion in Styropor so aus, dass ich mit dem Styropor nach innen den Aluminiumschädel abformte und nach außen hin das Gesicht anlegte. Grund dieses Vorgehens war, dass ich neben der Gesichtsrekonstruktion des Mörders auch noch eine Schädelreplik in Betonguss herstellen wollte, an die ich in Aluminium die unauslöschlichen "Schatten seiner Schuld" an diesen unverrottbaren Betonschädel gießen wollte.

Format: lebensgroß
Länge: ca. 25 cm
Breite: ca. 20 cm
Höhe: ca. 20 cm
   
Entstehung: Dezember 2013
Material: Aluminiumguss
Gießerei: Glassl Metallguss, Michelstadt im Odenwald

 

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