JULIUS LANDSBERGER

Das JULIUS LANDSBERGER Denkmal war eine Auftragsarbeit. Der Kunde kam mit zwei A4-Seiten Text und fragte, ob wir das auf eine Tafel bekämen. Ich sagte, dass die Aufgabe der bildenden Kunst sei, dass was der Text aussagt mit gestalterischen - in meinem Falle plastischen Mittel - aus zu drücken. So entstand ein Entwurf für eine in Bronze gegossene Collage aus Grundriss, Architekturmodell, Portraitbüste und Text. Besonderen Wert legte der Kunde darauf, dass die Portraitbüste fotorealistisch wird und dass die Sicht auf Landsberger derjenigen seiner Lebzeit entspricht, also nicht durch den Holocaust gefiltert ist.

Ausgangspunkt für das fotorealistische Portrait sollte eine Darstellung des Rabbiners in einem seiner Bücher sein.

Bei der Arbeit mit dieser Lithografie stellte sich heraus, dass ihr kein Foto zu Grunde liegen kann: Die Kopfbedeckung ist nicht identifizierbar und offenbar nach der Erinnerung "erfunden". Die Nase ist von vorn gesehen, das Gesicht schräg von vorn - die Nase ist offenbar aus einem anderen Portrait "entliehen". Das dem Betrachter zugewandte Auge sitzt zu nahe an der Nasenwurzel, das dem Betrachter abgewandte, von der hervorspringenden Nasenwurzel teilweise verdeckte Auge sitzt signifikant zu weit außen. Insgesamt sitzen die Augen zu nahe beieinander.

Obwohl klar ersichtlich ist, dass es sich bei der vorgegebenen Lithografie nicht um ein Portrait Landsbergers handeln kann, versuchte ich auftragsgemäß, es in eine Portraitplastik zu überführen. Dazu nahm ich ein altes, großes, fotografisches Herrenportrait um 1890, das eine auffallende, physiognomische Ähnlichkeit mit der "Landsberger-Lithografie" aufweist und versah es mit einzelnen Details der Lithografie, wie Mund und Augen. Dazu kam ein Kantorenbarett der Zeit nach dem Foto eines Museumsstücks.

Das fertige Styropormodell der Landsbergerbüste erschreckte mich in seiner Lebendigkeit. Ich befürchtete, seine Betrachter könnten es für authentisch halten. Schlimmsten Falls tauchte ein Foto davon in einem Wikipedia-Artikel über Landsberger auf und ich weiß doch, dass es nichts als reine Fiktion ist - ein "fiktives Faktum" - eine kunstreiche Lüge, die nicht mehr zurückgenommen werden könnte, nachdem sie einmal in der Welt ist.

Also widerholte ich die Bildrecherche. Schließlich war Dr. Landsberger eine bedeutende Gelehrtenpersönlichkeit und Rabbiner in Schlesien, Halle, Berlin und Darmstadt. Nach seiner Literatur soll noch heute in der Orientalistik unterrichtet werden und Landsberger soll 1888 eine Grabrede auf Kaiser Wilhelm den I. gehalten haben, wofür ich allerdings keinen Beleg finden konnte. Leider fand ich vor allem kein einziges Foto von ihm. Und das sicher nicht nur, weil die Fotografie seinerzeit noch nicht so weit verbreitet war wie heute. Ich fand allerdings ein originales Landsberger-Autograph, was sicher sehr viel seltener und schwieriger zu finden sein dürfte als eine Landsberger Fotografie, bzw. die Reproduktion einer solchen.

Daraus folgte für mich mit hinreichender Sicherheit, dass der Theologe und Rabbiner Julius Landsberger - wohl in Beachtung des ersten Gebotes? - selbst keine Fotografie von sich zu machen erlaubt hatte und die Lithografie in seinem Buch vielleicht nur deshalb geduldet hatte, weil sie ausreichend wenig Ähnlichkeit mit ihm hat und mehr eine Gewandtfigurine ist, denn ein - geschweige denn sein - Portrait?

Vor diesem Hintergrund konnte ich meine Portraitplastik keines Falls so stehen lassen, wie sie war! Auf meine Versuche einer Kontaktaufnahme reagierte mein Kunde eine Woche lang nicht. Während dieser Zeit des Wartens auf eine Reaktion meines erkälteten Kunden entwickelte ich ein neues Konzept des Julius Landsberger-Denkmals. Bei der Bildrecherche war mir aufgefallen, dass unser Blick auf das deutsche Judentum des ausgehenden 19. Jahrhunderts heute recht unscharf ist, weil die Nazis zwischen 1933 und 45 alles darangesetzt hatten, auch seine sichtbaren Spuren aus zu löschen. Dieser Umstand prägte meine Landsberger-Recherche.

Also konnte auch mein Landsberger-Bild des Jahres 2013 keines der Hochzeit der deutschen Judenemanzipation des ausgehenden 19. Jahrhunderts sein, wie beauftragt, sondern es konnte nur ein Post-Holocaust-Bild werden.

Ein Bild der liberalen, Darmstädter Synagoge hatte mich besonders tief beeindruckt: Man sieht eine Reihe jüdischer Kinder, welche vor einer aus unregelmäßigen, hausteinernen Quadern trocken aufgeschichteten Mauer Aufstellung genommen haben. Diese mörtellose, provisorische, temporäre Mauer war alles, was von der liberalen Synagoge, der "Zierde unserer Stadt", nach der Niederbrennung, Sprengung und der erzwungenen Zerkleinerung durch die Männer der jüdischen Gemeinde Darmstadt übrig geblieben war.

Daher zersägte ich meine falsche "Landsberger-Büste" horizontal in gleich starke Scheiben und aus diesen schnitt ich "Rindenstücke" von der doppelten Länge ihrer Höhe und derselben Tiefe wie ihre Höhe. Es ergaben sich so 16 "Quader". Im Nachhinein erfuhr ich, dass die Zahl 16 in der Kabbala für Unglück, Scheitern und Katastrophe - Schoah - stehen soll. Aus meinen 16 Fragmenten - das Übrige verwarf ich - schichtete ich eine lose Mauer auf. So erhielt ich gleichzeitig das geforderte fotorealistische Portrait und machte damit trotzdem kein "Bild" des Menschen im biblischen Sinne des "Götzenbildes". Die Gesichtsrelief-Fragment-Quader schauen alle nach vorne, zum Betrachter, doch sie stehen und liegen kreuz und quer durch einander und teilweise Kopf. Darunter stellte ich eine Konsole, so dass die Relief-Quader auch an Steine auf einem jüdischen Grabmal erinnern. Den Text von ursprünglich zwei A4-Seiten Länge reduzierte ich auf zwei Worte: Julius Landsberger. Diese ordnete ich, wie im Hebräischen, rechtsbündig an.

Am 09. November 2013 wurde die Tafel in Gegenwart zweier jüdischer, darmstädter Kinder, die von ihren Eltern in die USA gerettet wurden, am Julius-Landsberger-Platz, am Klinikum Darmstadt, bzw. der Gedenkstätte der ehemaligen liberalen Synagoge Darmstadt, eingeweiht.

Format:  
Länge: ca. 80 cm
Breite: ca. 80 cm
Höhe: ca. 25 cm
Gewicht: 35 kg
   
Entstehung: Januar - Februar 2013
Material: Aluminiumguss, gebürstet
Gießerei: Glassl Metallguss, Michelstadt im Odenwald

 

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