DAVID DARMSTAEDTER

Im Jahre 2012 fand ich auf dem Weg mit dem Fahrrad zur Werkstatt, auf einem Sperrmüll in der Annstraße in Darmstadt ein altes Portraitfoto eines in meinen Augen sehr melankolisch drein blickenden, jungen Mannes.

Und in den Augen seiner Zeitgenossen - das Eiche-gerahmten Foto stammte aus der Nazi-Zeit - sah dieser junge, schwarz gelockte Mann mit seinen dunklen Augen weder nach einem "Arier" aus, noch nach einem siegesgewissen Recken. Dieser Mann - den Eindruck machte sein Portrait auf mich - konnte in der Nazi-Zeit weder glücklich geworden sein, noch lange gelebt, bzw. überlebt haben.

Leider fand ich weder auf dem Foto, noch nach öffnen des Rahmens im Inneren irgend einen Namen, Ortsangabe, oder Datum. Ein vollkommen anonymer Fund, dem ich einen Namen, einen Ort und eine Bedeutung im Sinne der fehlenden Widmung geben musste. Zunächst natürlich rein hypothetisch. Zwei Jahre später war es dann so weit und der Unbekannte wurde zu "meinem DAVID DARMSTAEDTER". Ich ließ ihn sein Gesicht einem jungen Darmstädter Juden, vielleicht einem Schloser, Sohn eines jüdischen, darmstädter WK-I-Veteranen, ausleihen. Die Deportationslisten auf denen die Namen aller aus Darmstadt in den Tod verschleppter jüdischen Deutschen verzeichnet sind, stehen im Internet. Ein DAVID DARMSTAEDTER ist freilich nicht unter ihnen. Dieser Name gehört nur zu meiner Kunstfigur.

Ebenfalls freie Erfindung ist die seitlich angebrachte Widmung, die dem Original fehlt: "Für Margarete, D.D. 1922 - 42". Der Name Margarete spielt an auf Paul Celans Todesfuge, in der sich Margarete mit dem blonden Haar und Sulamit, mit dem aschenen Haar gegenüber stehen. Der SS-Wächter schreibt am Feierabend im KZ an seine Margarete. Vielleicht aber hatte die ihren DAVID DARMSTAEDTER viel lieber?
Schließlich publizierte Das Darmstädter ECHO die Geschichte des Fotofundes vom Sperrmüll und es kam heraus, dass der Portraitierte Otto Backhaus (wohl weitläufig mit dem Pianisten Wilhelm Backhaus verwandt) war.

Otto Backhaus galt nicht als Jude. Er war sogar SA-Mann gewesen. In diese Schlägertruppe war der Bibliothekar eingetreten, weil er eine Anstellung im öffentlichen Dienst nur bekam, wenn er irgend einer Parteigliederung angehörte - so sagte später seine Familie. Aus der SA sei er, nachdem er einen Posten als Bibliothekar in Berlin-Charlottenburg bekommen hatte - aber wieder ausgeschlossen worden, weil er weder Mitgliedsbeiträge zahlte, noch je an einer der "Dienste" teilgenommen hatte. In Berlin, soll Backhaus damit beschäftigt gewesen sein, die berliner Bibliotheken nach Werken jüdischer Künstler zu durchkämmen, die vernichtet werden sollten. Dabei soll er originale Partituren Mendelssohns entwendet und in seiner Heimatstadt Darmstadt "in Sicherheit" gebracht haben, wo sie am 09. November 1944 dem großen Stadtbrandt zum Opfer gefallen sein sollen. Schon 1937 soll Backhaus in Berlin von der Gestapo verhaftet und als Darmstädter und somit südlich der Mainlinie im Zuständigkeitsbereich von Dachau, nach dort verschleppt und sofort nach seiner Ankunft, ohne alle Aufnahmeformalitäten, am 20. April 1937 erschossen worden sein. Aus Dachau kam von Otto Backhaus nur eine Urne mit irgendwelcher Asche zurück. Ein evangelischer Pfarrer aus Darmstadt-Arheilgen (?), dem das bei Strafe verboten worden gewesen sein soll und der gerade erst aus Gestapo-Haft entlassen worden war, setzte diese Urne im Familiengrab auf dem Waldfriedhof bei. Öffentlich, christlich und feierlich. Die NS-Offiziellen haben sämtliche Hinweise auf ihr Opfer aus allen Behördendateien gelöscht, so dass heute Forschung zu ihm sehr schwierig ist. Seine Schwiegerenkelin, eine Historikerin hat alles, was man zu Otto Backhaus irgendwie greifen kann zusammen getragen, aber leider nicht publiziert.

Otto Backhaus Tochter möchte das nicht. Ihr konnte ich am 30.03.2015 das originale Portrait ihres Vaters, der noch vor ihrer Geburt ermordet worden war, im Kreise ihrer Familie überreichen. Damit war das Projekt DAVID DARMSTAEDTER für mich abgeschlossen. Die Portraitskulptur befindet sich noch in meinem Atelier.

Format:  
Höhe: ca. 120 cm
Breite: ca. 70 cm
Länge: ca. 55 cm
Gewicht: ca. 55 kg
   
Entstehung: Begonnen im Dezember 2014, vollendet im Januar 2015
Material: Aluminiumguss, geschwärzt
Gießerei: Glassl Metallguss, Michelstadt im Odenwald

 

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