HEILIGE SCHRIFT DER ISRAELITEN

HEILIGE SCHRIFT DER ISRAELITEN ist ein Projekt im Zyklus MUSEÉ DE L´HOMME. Ausgangspunkt ist eine auf ebay aufgetauchter Foliant. Eine von Gustav Doré illustrierte Prachtausgabe der Bibel, israelitische Ausgabe - wie es heißt - wohl um 1880.

Das Buch war 1990 in Bopfingen gefunden worden. Im Rahmen von Sanierungsarbeiten an einem Altbau, der gerade den Besitzer gewechselt hatte. Der Neuerwerber brach im Dachstuhl eine Mauer ab. Es stellte sich heraus, dass es sich um eine doppelte Mauer handelte. In ihrem Inneren ergab sie eine kleine Kammer. Darin fanden sich in einer Truhe Schmuck, Bargeld, private Familienkorrespondenz und eben diese alte Bibel. Der ganze persönliche Nachlass einer deutschen Familie jüdischer Konfession. Die Bibel erachtete der Hauskäufer als "wertlos" und so durfte sein damals noch kleiner Sohn sie an sich nehmen. Der Junge war sich offenbar von Anfang an bewusst, was er da in Obhut hatte und 27 Jahre lang "in Ehren hielt", bis er das Objekt 2017 auf eBay verkaufte, in der Hoffnung es möge vom Käufer restauriert werden.

Als mich das Paket im zweiten Anlauf endlich erreicht hatte, beschloss ich das Buch nicht zu restaurieren, sondern als Zeugnis der Zeit genau so zu belassen, wie es war. Da ich es als "erbenloses, verfolgungsbedingt aufgegebenes, jüdisches Eigentum" betrachte, möchte ich es gerne "zurückgeben". Nur an wen? Die ehemaligen Eigentümer sind ja offensichtlich nie wieder zurück gekehrt um ihre Sachen wieder ab zu holen. Sie haben also offensichtlich nicht überlebt. Heutige jüdische Gemeinden identifizieren sich nicht mehr so mit Deutschland, wie die jüdischen Patrioten von damals, sondern eher mit Israel. Auch wird das historische, sogenannte Deutschjudentum, oder das deutsche Reformjudentum heute sehr kritisch gesehen und tendenziell eher abgelehnt. Die Doré-Bibel ist aber ein Denkmal genau dieser heute abgelehnten deutsch/jüdischen Tradition. Die heilige Schrift um derentwillen Juden Hebräisch als erste Fremdsprache erlernen, ist hier verdeutscht - wenn auch nicht von Martin Luther, sondern vom Schriftsteller und Rabbiner, Dr. Ludwig Philippson, dem herausragenden Repräsentanten der jüdischen Reformbewegung, der sich allerdings viel enger am hebräischen Urtext orientierte als Luther -  und sie ist illustriert. Nach dem ersten Gebot:

„Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“

ist eine Illustration der Thora eher ungewöhnlich - im Gegensatz zur christlichen Bibel. Christen praktizierten "ora et labora" und blieben in den breiten Bevölkerungsschichten sehr lange Analphabeten. Für sie gab es Bilderbibeln und überhaupt einen überreichen Bilderschatz zur Kommunikation der biblischen Geschichten. Außerdem steht der Name ausgerechnet des Illustrators auf dem Titel der Thora: Gustav Doré.

Dieses Objekt stellt somit wohl eher ein Denkmal der christlich/jüdischen Symbiose in Deutschland dar, denn ein ausschließlich jüdisches Erbstück.

Deshalb möchte ich das erbenlose Buch mit alle Menschen in Deutschland teilen, die Träger unseren gemeinsamen christlich/jüdischen Kultur sind, welche auf den zehn Geboten der Thora gründet. Das sind Juden, Christen, Muslime und sehr, sehr viele rechtstaatliche Atheisten und Agnostiker. Stellvertretend für diese übergroße Mehrheit der Menschen dieses Landes - welchen Pass sie auch immer besitzen mögen - wähle ich aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis Personen aus, die ich beim Blättern, lesen und genießen des antiken Schatzes fotografiere. Diese Portraitfotos im Format A3 werden von den Portraitierten groß und gut lesbar unterschrieben. So entsteht, wenn man die Portraits zusammen in einer Fläche sieht der Eindruck einer Volksabstimmung, eines Bürgerbegehrens, etwas ungemein politisches.

Einer meiner "Erben" fand in dem Folianten eine Postkarte, aus der der Name der ehemaligen Besitzer hervorgeht:

Eduard und Ernestine Leiter aus Stuttgart, wo der Metzgermeister Eduard Leiter - so die Stuttgarter Stolperstein-Initiative - eine koschere Metzgerei betrieben hatte. Im Ruhestand war das Ehepaar nach Ulm gezogen, wo der Sohn mit Frau und Tochter lebte. Für diese Familie wollten die alten Herrschaften 1935 noch ihre Familienbibel restaurieren lassen. Die Familie des Sohnes konnte noch 1939 aus Deutschland in die USA emigrieren. Eduard und Ernestine Leiter sind 1942 nach Theresienstadt deportiert und unmittelbar darauf in Treblinka vergast worden. Enkeltochter Marianne B., geboren wohl Ende der zwanziger Jahre in Deutschland, könnte noch leben. An ihre letzte bekannte Adresse, die ich von den Stolperstein-Rechercheuren bekam, habe ich geschrieben und die Rückgabe des Buches angeboten. Auch der jüdischen Gemeinde des Ortes habe ich geschrieben. Leider bisher ohne Ergebnis.

Da aber das Original der hebräischen Bibel langfristig nicht bei mir bleiben soll, habe ich eine Skulptur des Objektes in vergrößertem Maßstab geschaffen. Sie besteht aus zwei Teilen in Aluminiumguss, die mit 4 dicken Schrauben fest zusammengeschraubt werden. Gemeinsam bilden sie einen hermetisch geschlossenen, von außen als solchen nicht zu erkennenden Hohlraum. In diesem befinden sich (in Analogie zu der Bibel in der doppelten Wand) die A3-formatigen Portraitaufnahmen mit den Unterschriften. Zweihundert und fünfzig sollen es einmal werden. Damit wäre der Hohlraum maximal aufgefüllt. Ca. sechzig sind es Stand 12.08.2017.

Format:  
Länge: ca. 64 cm
Breite: ca. 47 cm
Höhe: ca. 16 cm
Gewicht: ca. 30 kg
   
Entstehung: Juli 2017
Material: Aluminiumguss, teilweise gefasst
Gießerei: Glassl Metallguss, Michelstadt im Odenwald

 

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