ABSCHIED VON EINEM UNBEKANNTEN

Ende August 2012 bekam ich einen kleinen Plastikbeutel geschenkt, in dem sich mehreres, kleines, sperriges, leichtes und hartes befand.

Es handelte sich um ein menschliches Schädeldach, dazu die Schädelbasis und der zugehörige Unterkiefer. Ein ganz offensichtlich altes, anatomisches Präparat.

Nach deutschem Recht dürfen sich menschliche Relikte nicht in Privatbesitz befinden, sondern müssen bestattet werden. Sie zu besitzen bedeutet "Störung der Totenruhe". Anatomische Präparate von Menschen stellen dagegen rechtlich "Sachen" dar und dürfen besessen und gehandelt werden". Grund für diese Regelung ist, dass der Gesetzgeber sicher gestellt hat, dass nur zu Lebzeiten des Spenders freiwillg gegebene Körperspenden  zu anatomischen Präparaten verarbeitet werden dürfen. Bei historischen Präparaten hingegen, ist die Einwilligung des Betreffenden in die Verwendung seines Körpers alles andere als gesichert.

In Ober- und Unterkiefer des offensichtlich männlichen Schädels waren die Zahnwurzeln frei gelegt. Anstatt - wie es sich gehört - die beiden "losen Teile": Schädeldach und Unterkiefer an der Schädelbasis zu befestigen (das Schädeldach mit seitlichen Häkchen, den Unterkiefer mit Federn), waren hier Schädeldach und Unterkiefer so miteinander verbunden, dass sie die Schädelbasis gemeinsam "in die Zange" nahmen. Das Schädeldach war allein mittels zwei kleiner, senkrecht stehender Drahtstiften gegen Verrutschen auf der Schädelbasis gesichert. Das Schädeldach war durch einen in den seitlich liegenden Schädel von oben nach unten geführt. Unten "ging er sich bei dieser Methode allerdings nicht aus und es waren zahreiche Fehlschnitte notwendig, die Trennung schließlich doch noch zu vollenden. Die innere Knochenschale des zweischaligen Craniums darf nicht ganz durch gesägt werden, um die Hirnhaut bei der medizinischen Präparation nicht zu verletzen. Deshalb wird bevor diese Knochenschicht vollends durch gesägt ist, am Hinterhaupt ein kleiner Meißel angesetzt und ein leichter Hammerschlag ausgeführt, der zum Abplatzen des durch das ansägen unter Spannungen stehenden Schädeldaches führt. Dieser Meißelansatz befindet sich bei diesem Schädel über dem linken Auge, im sichtbaren Bereich. Er wurde mit einer Wucht ausgeführt, die zu einer Zertrümmerung des Knochens unter dem Meißel führte und zu einer Fraktur von der Nasewnwurzel bis hoch in die Stirn. Der Schädel weist zahlreiche Schnitt- und Rattermarken des Messers auf, mit dem er entfleischt worden war. Insgesamt gibt ihm das eher den Charakter eines Schlachtabfalls, als den eines wissenschaftlichen Präparates.

Der Tote hatte eine auffallend fliehende, niedrige Stirn. Er hatte sehr markante Muskelansätze an den Winkeln der seitlichen Ästen des Unterkiefers und ein markantes Kinn. Seine Nase scheint fein und leicht gekrümmt gewesen zu sein. Auffällig ist, dass sein komplettes Gebiss gegenüber dem Gehirnschädel und der Augenachse, etwas nach links verdreht ist. Das betrifft den gesamten Unterkiefer mitsamt den Kiefergelenken in der Schädelbasis. Das  Gebiss des Toten muss zu Lebzeiten komplett und absolut perfekt gewesen sein.

Der Schädel stammte aus dem Nachlass eines verstorbenen Zahnarztes.
Die miserabele Präparationsleistung ließ mich zunächst an "Sabbotage" denken und dann an das Sektionskommando von Mengele in Auschwitz, der größten Pathologie des ehemaligen deutschen Reiches, welche das gesamte ehgemalige Reichsgebiet auf Bestellung mit allen denkbaren, menschlichen Präparaten belieferte. Ich dachte an einen Häftling aus einem vollkommen fremden Beruf, der am Sektionstisch steht, von der Arbeit nichts versteht, sich ekelt und von der Angst getrieben ist, im Versagensfalle als Nächster auf diesem Sektionstisch zu liegen.

Dabei übersah ich, dass bei einer "Mengele-Präparation" auf Bestellung, niemand auf eine intakte Hirnhaut des Präparates hätte Rücksicht zu nehmen brauchen. Man hätte einfach durch gesägtauch durch das Gehirn des Toten. Den Meißelhieb in die Stirn des Toten und die massive Bescghädigung der bestellten "Ware" wäre somit ausgeschlossen gewesen. Dieser Meißelhieb, der allein der Rücksicht auf die Hirnhaut des Toten geschuldet war (und ist), bedeutet, dass es sich im vorliegenden Fall nur um eine Präparation zu wissenschaftlichen Lehrzwecken gehandelt haben kann. Etwa an der Anatomie einer medizinischen Fakultät durch einen Studenten in einem frühen Semester.

Zunächst wollte ich aus den Fragmenten in der Tüße wieder einen menschlichen Schädel zusammen zu bauen.

Diesen habe ich den Schädel 1:1 in Styropor nachgebildet um ihn in Aluminium gießen zu können. Mit dieser Schädelreplik würde ich weiter arbeiten können.

Format: lebensgroß
Höhe: ca. 20 cm
Breite: ca. 20 cm
   
Entstehung: September, Oktober 2012 - März 2013
Material: Aluminiumguss, farbig gefasst
Gießerei: Glassl Metallguss, Michelstadt im Odenwald

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