HAND DER ZITRUS-ATHENA

HAND DER ZITRUS-ATHENA von Kirchheimbolanden, bzw. die Zitrone dieser Göttin, war Thema eines Entwurfes für eine Freiplastik im wieder zu errichtenden, barocken Schlossgarten von Kirchheimbolanden.

In Kirchheimbolanden steht versteckt in der Hofeinfahrt des Heimatmuseums eine kolossale, barocke Sandsteinstatue der ATHENA, von den Bürgern als "Minareva" (die römische Version dieser Göttin) bezeichnet.

Die Schutzgöttin Athens, Göttin der Weisheit, des Kampfes und der Strategie, Patronin der Handwerker, der Künste und der Wissenschaften ist mit einem (im Falle KiBo verlorenen) Speer bewaffnet, den sie in ihrer (hier ebenfalls verlorenen) rechten Hand hielt, besitzt einen Schuppenpanzer und das Haupt der Medusa, trägt einen Helm auf dem eine Sphinx liegt und der von einem Federbuschen bekrönt wird.

Zu Füßen der Göttin sitzt eine große Eule. Sinnbild der Weisheit, der Stadt Athen und somit des Reichtums.

Das antike Athen muss sagenhaft reich gewesen sein. Davon spricht noch heute das Wort von der Sinnlosigkeit des „Eulen nach Athen tragens“. Die Athenischen Drachmen zeigen die Eule als Symbol für die Stadt, die so reich war, dass man getrost auf den Versuch verzichten konnte, sie durch finanziellen Reichtum beeindrucken zu wollen.

Gemeinwesen gab es unzählige – in der Antike genauso wie im 18. Jahrhundert – von sagenhaftem Reichtum dagegen waren die aller wenigsten.

Wenn man den Erfolg eines Gemeinwesens an seinem Reichtum messen will, war Athen wohl ein sehr erfolgreiches Gemeinwesen. Für die Menschen des 18. Jahrhunderts symbolisierte wohl das Patronat der Athene den wirtschaftlichen Erfolg des Gemeinwesens.

Somit war die Figur der Göttin Athene, Schutzpatronin des antiken Athen, des Handwerks, der Künste und der Wissenschaften, eine sehr geeignete Identifikationsfigur, wenn es darum ging als Herrscher seinem Volk, den Anbruch eines „goldenes Zeitalter“ in Aussicht zu stellen, etwa nach dem Motto:

Durch Handwerk, Wissenschaft und Künste (was zur Zeit des Barock auch alle Ingenieurwissenschaften ein schloss) zu allgemeinem Wohlstand des Gemeinwesens und zu Ruhm und (auch militärischer) Macht des Herrschers.

Und das in einer Gesellschaft, die zwar Handwerk, Künste und Wissenschaften kannte und so gut wie möglich pflegte, deren Wertschöpfung jedoch ganz überwiegend auf der Landwirtschaft beruhte.

Die Landwirtschaft war der Schlüssel zu materiellem Erfolg. Wer zu Reichtum kommen wollte – egal ob Bauer oder Fürst - musste versuchen die Erträge in der Landwirtschaft zu steigern, neue Produkte hervorbringen, oder neue Produktionsverfahren entwickeln – gegen den Widerstand der klimatischen und geographischen Gegebenheiten.

Experimente dieser Art erlaubten die Orangerien, die ab dem 17. Jh. auf kamen.

Man konnte in ihnen nördlich der Alpen erstmals Früchte, selbst Ananas kultivieren, zu deren Anbau hier zu Lande alle klimatischen Voraussetzungen fehlten.

Die Bedeutung der Orangerien des Barock – die heute noch gerne allein als höfische Spielereien oder Angebereien abgetan werden – ist vielleicht vergleichbar mit den Gentechnik-Laboren unserer Zeit. Orten, an denen heute, mit modernen Mitteln auch versucht wird, die Erträge der Landwirtschaft zu steigern, neue Produkte hervor zu bringen, oder neue Produktionsverfahren zu entwickeln.

Somit lässt sich die Orangerie des Barock vielleicht als „Speerspitze des wirtschaftlichen Erfolgs“ ihres Betreibers verstehen. Zumindest könnten sie die damaligen Fürsten und ihre Untertanen – in der ganz überwiegenden Mehrzahl in und von der Landwirtschaft lebend - so verstanden haben?

In diesem Falle könnte die „Athena des Barock“ neben ihren Attributen – Speer, Helm, Harnisch, Gorgonenhaupt, Eule – auch noch eine Zitrusfrucht aufweisen.

Die Athene-Statue der Nassauer, von der hier die Rede ist, besitzt als Attribut die steinerne Zitrusfrucht. Sie trägt sie in ihrer, in die Hüfte gestemmten linken Hand. Die Frucht nach vorne, Stengl und Blätter nach hinten.

Um welche Frucht es sich dabei handelt ist nur ungefähr zu sagen:

Die narbige Oberfläche der Frucht und die Blätter weisen sie zwar ganz klar als Zitrusfrucht aus; wäre sie vorne spitzer, könnte es sich um eine heutige Zitrone handeln. Für eine moderne Orange ist sie etwas zu länglich, aber welche Pomeranze – auch Kreuzungen sind in den barocken Orangerien erzeugt worden – genau das Modell des Bildhauers war, ist nicht so entscheidend, wichtig ist, dass es sich ganz eindeutig um eine Zitrusfrucht handelt. Auffälliger Weise sitzen die Blätter aber entgegengesetzt am Stengl. Sie wachsen nicht aus Richtung der Wurzeln des Baumes in Richtung Frucht, sondern aus der Richtung der Frucht in Richtung der Wurzeln des Baumes. Gerade so, als sei die Frucht der Keimling des Baumes, dessen Blätter an dem Ästchen wachsen. Diese Konstellation illustriert sehr schön das Prinzip des Züchtens neuer Pflanzen aus den Samen älterer Exemplare.

Dieses ungewöhnliche, Nassauer-spezifische Attribut der Athene, die Zitrone, legt den Schluss nahe, dass die Skulptur ursprünglich im Zusammenhang mit einer Orangerie aufgestellt war.

Die kirchheimbolandener Orangerie ist aber erst im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts erbaut worden, während eine „19“, rechts auf dem unteren Wulst der Vorderseite des Postaments der Skulptur sicher Pendant zu einer heute verlorenen „17“ links gegenüber ist und das Entstehungsjahr der Statue mit 1719 angibt.

Somit kommt als Orangerie der Nassauer nur die Orangerie in Weilburg, erbaut 1710 bis 1714 in Frage.

Dort ist die Monumentalskulptur wohl anlässlich des Beginns der Regentschaft von Karl-August von Nassau-Weilburg (17.09.1685 bis 9.11.1753 in Weilburg, Regent seit 1719, Fürst seit 1737) im Jahre 1719 errichtet und später mit der Verlegung der Residenz nach Kirchheimbolanden, mitgenommen worden.

Seither ist die Zitrus-Athena der Nassauer ein Bild für das Versprechen, mit Weisheit, den Künsten, des Handwerks, der Wissenschaften und der Innovation – für welche die Zitrusfrucht steht - zu Erfolg, Wohlstand und Bedeutung zu kommen.

Dieses Versprechen – das damals den Bau der Nassauischen Orangerien motivierte - hat nichts an Aktualität eingebüßt, sondern ist heute – in Bezug auf Biotechnologie, alternative Energien und nachwachsende Rohstoffe - aktueller denn je.

Meine Neuformulierung dieses barocken Zukunftsversprechens in der Formensprache seiner Zeit, beschränkt sich allein auf die linke Hand der Göttin, in der sie die Zitrone hält und eben diese Zitrone. Um den Hintergrund der züchterischen Bemühungen des Barock etwas anschaulicher zu machen, habe ich die Zitronenblätter durch Schlehenblätter ersetzt. Die Schlehe ist eine Art, die in unseren kalten Breiten überall gedeiht - sie wächst hier winterhart wie "Unkraut" könnte man sagen. Ihre Frucht ist krach-sauer. Wenn es gelungen wäre statt der sauren Schlehen an winterharten, genügsamen Gehölzen saure Zitronen wachsen zu lassen, hätte man Bäume gezüchtet gehabt, an denen man Geld hätte ernten können. Um nichts anders geht es noch heute.

Leider ist diese Arbeit zwar angefragt, aber bis heute nicht beauftragt worden.

 

Format  
Länge: ca. 110 cm
Breite: ca. 52 cm
Höhe: ca. 52 cm
Gewicht: ca. 15 kg
   
Entstehung: September 2010
Material: Gips auf Styropor, farbig gefasst (Zitrone, Blätter und Stängel heute golden) Modell für Aluminiumgus.

 

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